Seminar mit Pedro Fleitas, 28./29.06.2008
Japanische Dimensionen.
Samstagmorgen, Umkleide der Männer. Ich kenne kein einziges Gesicht und bin neugierig, sogar profi-neugierig. Die Jungs haben untypisch deutsche Gesichtszüge (was auch immer typisch deutsch sein mag), also frage ich: „Hi, where do you come from?“ “Oh, hi, we are from Serbia.” “Wow, what a journey! Nice to meet you! And where do you come from?” Die 2. für mich fremde Gruppe kommt ‘rein. “We’re from Belgia, from a town next to Gent.” “You’re welcome! And where do you come from?” Ein Einzelner betritt die Umkleide. “I’m from Oberhausen.” Uiii, from Oberhausen also. Ah – I know the city, my wife is gerne einkaufing there in the Centro... Habe ich natürlich nur gedacht, nicht gesagt. „Äh – ja, guten Morgen, hereinspaziert!!“. Oberhausen. Mensch. Die Anfahrt war vermutlich ähnlich strapaziös wie die der Jungs aus Serbien, is klar … Aber genug gefrotzelt, ich finde es hammermäßig, dass sich Leute aus halb Europa nach Hamm bewegen, um an einem von der Ninpo Hamm organisierten Seminar teilzunehmen. Und ich ziehe meinen Hut z.B. vor den serbischen Jungs, denn wer da mal mit einem Auto hingefahren ist, der weiß, dass die 500 km nach Berlin dagegen Pippifax sind. Und wer das Auto der Jungs gesehen hat, den erfassen spontan Mutter-Reflexe, Helfer-Syndrome und der wird von tiefen Weinkrämpfen geschüttelt. Beispielhaft. Für mich ist das mein erstes Pedro-Seminar… mein erstes Mal … hach … *romantisch seufz*. Und alles, wirklich alles, ist vom Staff-Team spitzenmäßig organisiert. Danke, Jungs, ihr habt einen super Job hingelegt! Die Halle beginnt sich zu füllen und weil die Halle nicht gerade die kleinste ihrer Art ist, denke ich mir erst so, dass es irgendwie leer aussieht. Ich beginne zu überschlagen, wie viel Leutchen sich so tummeln und höre bei 100 auf zu zählen. 100? Das geht. Wie wir nachher hörten, haben fast 120 Buju teilgenommen. Was mich an diesem Vormittag immer wieder zu innerlichen Begeisterungsstürmen hinreißt, ist die Herzlichkeit zwischen den Mitgliedern der verschiedenen Dojos. Du fühlst Dich sofort dazu gehörig und willkommen. Familiäre, durch und durch freundschaftliche Atmosphäre. Wer einmal an Seminaren oder Turnieren anderer Kampfkünste oder Kampfsportarten teilgenommen hat, der wird diese Herzlichkeit im hiesigen Bujinkan absolut zu schätzen wissen. Da haben unsere Shidoshis Unschätzbares initialisiert! So, die Stunde des Seminarbeginns schlägt, Pedro betritt die Halle, begrüßt noch einige wenige persönlich. Mir fallen 3 Dinge auf: 1.Pedros Tabis. Alter – was ist das? Weiße Punkte auf dunklerem Grund – wie auf einem Fliegenpilz! Für mich hat er jetzt schon Kult-Status. 2.Der Mann hat keinerlei Star-Allüren und bewegt sich vollkommen locker. 3.Aber er hat auf jeden Fall Star-Status. Ich sehe gaffende Gesichter, höre Getuschel, als wenn Madonna da wäre oder Robby Williams. Na, wer wirft den ersten Teddy-Bären? Es wird angegrüßt und wir freuen uns über 2 Dolmetscher. Der Kollege aus dem Bayrischen übersetzte ins Deutsche und die Lady aus, ja wo kam sie denn eigentlich her?, ihrem englischem Dialekt nach zu urteilen kam sie aus Großbritannien, vermute ich, jedenfalls übersetzte sie perfekt ins Englische. Ein Riesendankschön an Euch!! Denn als Pedro zu reden begann, kam ich mir vor, wie bei meinem ersten Schweden-Urlaub. Denn schwedisch ist wie spanisch – das kann ich gar nisch. Was wäre das geworden ohne Euch! Mir fällt ein 4. Punkt an Pedro auf, kurz danach ein fünfter. Er bringt genial gute Laune ins Seminar. Pedro hat echten Humor. Ohne auch nur einen Millimeter Abstrich an Ausführung von Techniken zu machen, hat er richtig Spaß in den Backen. Das überträgt sich sofort auf alle Teilnehmer. Folge: eine Stimmung vom Allerfeinsten! 5. Die Lockerheit bleibt und wird ergänzt um den David-Copperfield-Faktor. Ich habe dieses Gefühl für mich David-Copperfield-Faktor getauft, weil Pedros Bewegungen teilweise für mich nicht erklärbar waren: Du hast das Gefühl, dass sich nicht Pedro um den Feind herumbewegt, sondern die Erde samt Feind um Pedro herum (ja, ich weiß, jetzt kommen die guten, alten Chuck-Norris-Sprüche ...). Überhaupt wäre es völlig egal gewesen, wie der Feind angreift, weil der Angriff so wie so ins Leere gelaufen wäre und Pedro mit einer faszinierenden Natürlichkeit und Leichtigkeit agierte, die ich nicht beschreiben kann. Muss man selbst erlebt haben. Und genau wegen dieser unbeschreiblichen Natürlichkeit und Lockerheit war für mich völlig klar, dass in diesem Seminar „Japan“ anwesend ist. Ich durfte Soke noch nicht erleben, aber das war ein Abgesandter von Soke persönlich. Ganz sicher. In dem Moment war mir leider auch schlagartig bewusst, dass für mich zum jetzigen Zeitpunkt ein Training in Japan komplett für den Ar... wäre. Es käme zwar eh noch nicht in Frage, aber mir war schmerzlich klar: ich hätte jetzt niemals das gesehen und gefühlt, was Du sehen und fühlen musst und hätte niemals die Intention der Bewegung Sokes verstanden. Unschön ausgedrückt: ich wäre jämmerlich verkackt. Aber in echt: Pedro ist einfach unbeschreiblich gut in dem was er will, was er beherrscht, was er zeigt und was er erklärt. Auch hatte ich (zu) oft den „Effekt“, dass ich bereits eine halbe Sekunde nach Beginn der Technik, die Pedro demonstrierte, den Beginn der Technik wieder vergessen hatte. Was natürlich nicht gaaanz so gut für die Ausführung der Technik war, wie man sich vorstellen kann ... Und ehrlich – ich war weder hacke breit noch hatte ich den holländischen Kollegen heimlich ihre Hanf-Gewächse weggeraucht. Jetzt wirklich! Auch aus diesem Grunde empfand ich das von Pedro Gezeigte eben als DCF-Techniken. Die ersten 3 Stunden trainierte ich mit Susi aus Weißichnicht. Ich hatte mir vorgenommen auf gar keinen Fall mit unseren Jungs und Mädels der Ninpo Hamm zu trainieren um eben fremde Bujinkan-Luft zu schnuppern. Leider war es nur scheinbar bei sämtlichen Dojos üblich in altbekannten Grüppchen zu trainieren – sehr schade, Leute! – so dass meine Wahlmöglichkeit auf 0 schrumpfte, bis ich halt die umherirrende Susi entdeckte. Mit Beginn der ersten Technik war ich froh hinter Susi’s Rücken Jürgen Bieber zu entdecken. Diese Frohheit (nennt man nicht so, weiß ich; aber wie dann?) lag nicht an Susi, sondern an meiner beschränkten Auffassungsgabe. Mein Gehirn gab nämlich nur noch Bruchstücke des so eben von Pedro Gezeigten. Oder anders, ich war mir völlig sicher, in dem, was ich geglaubt hatte zu sehen, musste aber feststellen, dass ich es oft nicht sofort umsetzen konnte. Da konnte ich schön beim Jürgen das abgucken, was wir nicht mehr wussten. Nachdem ich nach und nach in die Techniken ’rein kam und allmählich verstand, warum die Techniken so und so ausgeführt wurden, wuchs wieder diese Ehrfurcht in mir vor Soke, dem Bujinkan, den Shihanen ins Uferlose. Was sind Soke und Takamatsu doch für heiße Feuerhupen (gewesen)! Was ist das Bujinkan doch immer wieder für eine unglaublich gigantische, geniale … Geschichte! Und wir hatten die Ehre Techniken in japanischer Dimension sehen zu dürfen und bekamen sie von Pedro sogar teils persönlich nochmals gezeigt und erklärt. Ah!! Wo wir gerade beim Erklären und Demonstrieren sind. Pedro hatte einen Uke im Gepäck, von dem ich mich unbedingt persönlich verabschiedet habe. Der Gute erlaubte es uns die Techniken best möglich zu verfolgen. Weiß übrigens jemand seinen Namen? Ich jedenfalls würde ihn Mr. Pain nennen, da er als Dauer-Uke von Pedro ständig einen in die Fr..se, ins Gemächt oder sonst wo hin bekam. Also immer dahin und natürlich immer so, dass es richtig krachte. Klar sind wir vom Training mehr oder weniger gewohnt. Dieser Bursche aber reist mit Pedro zu dessen Seminaren, um sich immer schön einen abzuholen. Und wer’s bereits erlebt hat: Pedro kann auch zulangen. (Ich bin mir natürlich sicher, dass Mr. Pain auf diese Weise verdammt viel mitbekommt, sehr viel und sehr schnell lernt. Und das bei einem der besten Lehrer im Bujinkan weltweit.) Inhaltlich hätte ich mir übrigens ein Beispiel an Amelie nehmen sollen. Die praktizierte den nachher-aufschreib-Trick: Während unsereins fast 90 % des Seminars schnell vergisst, hatte sie sich in den Pausen hingesetzt und aufgeschrieben, was wie gemacht wurde. Respekt. Pedro lehrte viele Techniken, in denen teils mit Tai Sabaki und Mut gearbeitet wurde. Das richtige Ausweichen brachte neben Sicherheit auch mentalen Abstand zum Feind, brachte einen in die entscheidenden Positionen, ermöglichte die anschließenden, korrekten Kamae und den Sieg. Beim Thema Mut musste ich sofort an Schwerttraining mit Oli Heine denken: überwinde Dich und deine Angst vor dem angreifenden Schwert, gehe in den Gegner hinein und gewinne so den Kampf. Und genau das war es, was Pedro in Techniken auch ohne Schwert lehrte. Die weiteren Techniken hier zu beschreiben, macht für mich schriftlich wenig Sinn. Willst mehr darüber wissen, komm’ zum Training. Die beiden Tage waren in jedem Fall schlichtweg ein Ereignis der Superlative. Technisch wie menschlich. Und das wieder in Hamm. Ich habe viel gelernt, richtig Spaß gehabt, alte Bekannte und Freunde wieder getroffen, habe es geschafft durchgehend mit Nicht-Ninpo-Hammlern zu trainieren und freute mich tierisch über den krönenden Abschluss: Die Graduierung von Oli Schenkel zum 9. Dan. Die Überraschung kam urplötzlich: Pedro bat Oli nach vorn, erzählte, dass Oli den Godan-Test bei ihm bestanden hatte, graduierte Oli im Namen Sokes fix zum 9. Dan und beendete das Seminar. Zack, Feierabend. Alles ging so schnell, dass der allgemeine Jubel erst nach einer Überraschungssekunde ausbrach. Das war quasi eine Graduierung im Togakure Ryu Stil. Für mich hatte auch die Graduierung etwas Bezeichnendes oder Weg zeigendes. Ich kenne vom Hören her niemanden sonst, der außer Soke den Godan-Test durchführen darf und dies auch kann. Damit meine ich nicht das Handhaben eines Shinais oder Bokkens. Damit ist es für mich noch einmal amtlich: Alle Seminare mit Pedro liegen auf japanischem Level und tragen definitiv den Geist Sokes. Bis zum nächsten Meeting mit Pedro!
Matthias Matze Lehwald